Fuß und Sprunggelenk bei neuromuskulären Erkrankungen und Syndromen
Manche neuromuskulären Erkrankungen und genetischen Syndrome können Form, Stabilität und Funktion von Füßen und Sprunggelenken im Wachstum beeinträchtigen: Hohlfüße, Plattfüße, Zehenfehlstellungen, instabile Sprunggelenke, Kontrakturen oder Gehschwierigkeiten. Die Behandlung wird individuell geplant und mit anderen Fachrichtungen abgestimmt, um die Funktion zu verbessern, das Gehen zu erleichtern, Schmerzen zu lindern und die Beweglichkeit zu erhalten.
- Typisches Alter
- Von den ersten Lebensjahren bis zur Jugend, je nach Grunderkrankung
- Auch bekannt als
- Neuromuskulärer Fuß · Neuromuskulärer Hohlfuß · Plattfuß bei Hypermobilität · Fuß bei Zerebralparese · Fuß bei Charcot-Marie-Tooth-Erkrankung · Fußveränderungen bei genetischen Syndromen
Was ist das?
Füße und Sprunggelenke sind auf das Zusammenspiel von Muskeln, Sehnen, Nerven, Knochen und Bändern angewiesen. Betrifft eine Erkrankung einen dieser Bestandteile, kann sie die Form des Fußes, seine Stabilität oder das Gangbild verändern. Im Kindesalter können sich diese Veränderungen mit dem Wachstum wandeln und teilweise mit der Zeit deutlicher werden.
Die Art der Fehlstellung hängt von der jeweiligen Erkrankung ab und davon, wie sie Muskeln, Nerven, Gelenke und Bindegewebe betrifft. Bei manchen Kindern steht die Muskelschwäche im Vordergrund, bei anderen ein erhöhter Muskeltonus, Überbeweglichkeit oder eine gestörte Knochenentwicklung.
- Bei der Charcot-Marie-Tooth-Erkrankung kann die Schädigung der peripheren Nerven zu Muskelschwäche, Hohlfuß, Krallenzehen und Instabilität im Sprunggelenk führen.
- Bei der Zerebralparese können Störungen des Muskeltonus und der Bewegungssteuerung Fehlstellungen wie Spitzfuß, Knick- oder Klumpfußstellung begünstigen.
- Bei manchen Kindern mit Down-Syndrom oder Ehlers-Danlos-Syndrom können Überbeweglichkeit und Besonderheiten des Bindegewebes zu Instabilität oder Plattfuß beitragen.
- Beim Marfan-Syndrom können Besonderheiten des Bindegewebes und der Körperproportionen mit Veränderungen des Fußgewölbes und der Fußachse einhergehen.
Nicht alle Kinder mit derselben Erkrankung entwickeln dieselben Fehlstellungen oder brauchen eine Behandlung. Die klinische Bedeutung hängt von Schmerzen, Fortschreiten, Gehfähigkeit, Gleichgewicht, Schuhversorgung und den Auswirkungen auf den Alltag ab. Deshalb müssen Form und Funktion des Fußes beurteilt werden.
Kontrollen im Wachstum zeigen Veränderungen der Achse, der Muskelkraft oder der Beweglichkeit im Sprunggelenk. Die Planung muss die Grunderkrankung, ihren möglichen Verlauf und die besonderen Bedürfnisse jedes Kindes berücksichtigen.
Woran Eltern es merken können
Die Zeichen unterscheiden sich je nach Erkrankung. Häufig sind:
- Das Fußgewölbe wirkt zu hoch, oder umgekehrt flacht der Fuß beim Stehen ab und weicht nach außen ab.
- Die Sprunggelenke wirken instabil oder knicken nach innen oder außen.
- Das Kind geht auf Zehenspitzen oder belastet die Füße ungleich.
- Es kommt zu wiederholten Verstauchungen, häufigem Stolpern oder Stürzen.
- Die Zehen krümmen sich, heben sich ab oder verformen sich zunehmend.
- Schwielen und Druckstellen entstehen, oder es ist schwer, bequeme Schuhe zu finden.
- Das Kind ermüdet beim Gehen, meidet längere Strecken oder macht bei manchen Aktivitäten nicht mehr mit.
- Es hat Schmerzen in Füßen, Sprunggelenken oder Waden.
- Die Beweglichkeit im Sprunggelenk nimmt ab oder es fällt schwer, den Vorfuß beim Gehen anzuheben.
- Die Fußform verändert sich zunehmend, oder der Unterschied zwischen beiden Seiten wird größer.
Bei manchen Kindern ist die Fehlstellung sichtbar, bevor Schmerzen auftreten. Bei Erkrankungen mit Risiko des Fortschreitens sollten Kontrollen daher nicht nur von Beschwerden des Kindes abhängen.
Wann zum Facharzt?
Eine kinderorthopädische Untersuchung ist ratsam, wenn ein Kind mit einer neuromuskulären Erkrankung oder einem genetischen Syndrom Schmerzen, eine Fußfehlstellung, Instabilität oder ein verändertes Gangbild zeigt. Auch eine vorbeugende Untersuchung kann sinnvoll sein, wenn die Grunderkrankung mit einem Risiko fortschreitender Fehlstellungen einhergeht.
Ein Termin ist ratsam, wenn:
- Sich die Fußform zunehmend verändert.
- Schmerzen, Schwielen oder Druckgeschwüre auftreten.
- Das Kind sich wiederholt verstaucht oder häufig stürzt.
- Es auf Zehenspitzen geht, den Vorfuß nachzieht oder anhaltend hinkt.
- Die Gehstrecke kürzer wird oder mehr Pausen nötig sind.
- Das Sprunggelenk an Beweglichkeit verliert oder der Fuß schwer in eine funktionelle Stellung zu bringen ist.
- Schuhe oder Orthesen nicht mehr richtig passen.
- Neue Gehschwierigkeiten auftreten oder bereits erlernte motorische Fähigkeiten verloren gehen.
Wann ist es dringend?
Eine dringende Untersuchung ist nötig bei plötzlichem Kraftverlust, neu aufgetretener Gehunfähigkeit, plötzlich einsetzenden starken Schmerzen, einem stark geschwollenen oder überwärmten Gelenk oder einer Wunde mit Infektionszeichen. Bei Kindern mit verminderter Sensibilität können Hautverletzungen unbemerkt bleiben und sollten besonders sorgfältig kontrolliert werden.
Wie wird es diagnostiziert?
Die Diagnose verbindet Krankengeschichte, Untersuchung des Bewegungsapparats und Beurteilung der Grunderkrankung. Ziel ist es festzustellen, welche Struktur betroffen ist, wie sich das auf das Gehen auswirkt und ob die Fehlstellung flexibel, steif oder fortschreitend ist.
Bei der Untersuchung beurteilt der Facharzt:
- Form und Achse des Fußes: Fußgewölbe, Fersenstellung, Ausrichtung des Vorfußes und Zehenfehlstellungen.
- Beweglichkeit von Sprunggelenk und Fuß: Lässt sich der Fuß in eine funktionelle Stellung bringen, bestehen Muskelverkürzungen oder Kontrakturen?
- Kraft und Gleichgewicht: die Fähigkeit, den Vorfuß anzuheben, auf die Zehenspitzen zu gehen, wenn möglich auf den Fersen zu laufen und stabil zu bleiben.
- Gangbild: Aufsetzen, Abstoßen, Spitzfußstellung, Fallfuß und Ausweichbewegungen beim Gehen.
- Haut und Druckstellen: Schwielen, Scheuerstellen und Verletzungen durch Belastung oder Orthesen.
- Verlauf: Der Vergleich mit früheren Befunden zeigt Veränderungen im Laufe des Wachstums.
Röntgenaufnahmen unter Belastung helfen, die Achsen von Knochen und Gelenken zu beurteilen. Je nach Verdacht können weitere Untersuchungen wie Ultraschall, CT oder MRT nötig sein. Bei bestimmten neuromuskulären Erkrankungen gehören Nervenleitmessung, Elektromyographie oder genetische Diagnostik zur Abklärung, die von den jeweiligen Fachärzten koordiniert wird.
Die Beurteilung kann die Zusammenarbeit mit Neuropädiatrie, Rehabilitation, Physiotherapie, Humangenetik und anderen Fachrichtungen erfordern. Nicht jedes Kind braucht alle diese Untersuchungen: Sie werden nach Beschwerden und Grunderkrankung ausgewählt.
Behandlung
Die Behandlung muss an die Erkrankung, die Art und Flexibilität der Fehlstellung, das Alter des Kindes und seine funktionellen Ziele angepasst werden. Es geht nicht nur darum, die Fußform zu korrigieren, sondern um ein stabiles, bequemes Auftreten, leichteres Gehen und die Vermeidung von Komplikationen.
Konservative Behandlung
1. Klinische Kontrollen
Ist die Fehlstellung leicht, flexibel und verursacht weder Schmerzen noch Einschränkungen, können regelmäßige Kontrollen genügen. Wie oft, hängt von der Grunderkrankung und dem Risiko des Fortschreitens ab.
2. Physiotherapie und Rehabilitation
Physiotherapie kann helfen, die Beweglichkeit zu erhalten, die vorhandene Muskelkraft zu trainieren, das Gleichgewicht zu verbessern und ein effizienteres Gehen zu üben. Die Übungen müssen an die Fähigkeiten des Kindes und die Erkrankung angepasst sein und übermäßige Ermüdung oder Überlastung vermeiden.
3. Orthesen und Gehhilfen
Orthesen können die Stabilität verbessern, den Fuß in einer funktionellen Stellung halten und die Fortbewegung erleichtern. So kann bei manchen Kindern mit Schwäche der Fußheber eine Unterschenkel-Fuß-Orthese eingesetzt werden. In anderen Fällen helfen Hilfsmittel, die die Achse von Fuß und Sprunggelenk steuern.
Die Wahl hängt vom Fehlstellungsmuster, der Kraft, der Beweglichkeit und der Verträglichkeit für das Kind ab. Eine Orthese muss im Wachstum überprüft werden, um Scheuerstellen, Druckpunkte oder unnötige Bewegungseinschränkungen zu vermeiden.
4. Schuhe und Hautpflege
Schuhe sollten genug Platz und Halt bieten und zu den Orthesen passen. Die Haut sollte regelmäßig kontrolliert werden, besonders bei gestörter Sensibilität oder wenn das Kind Druckstellen schlecht wahrnimmt.
5. Spezifische Behandlung der Grunderkrankung
In bestimmten Fällen kann das interdisziplinäre Team weitere Behandlungen empfehlen, etwa die Behandlung der Spastik oder spezielle Rehabilitationsprogramme. Die Entscheidung hängt von Erkrankung und Beschwerden ab; nicht jede Behandlung eignet sich für jedes Kind.
Operative Behandlung
Eine Operation kann angezeigt sein bei ausgeprägter, fortschreitender oder steifer Fehlstellung, anhaltenden Schmerzen, Gehschwierigkeiten, deutlicher Instabilität oder Problemen mit Schuhen und Orthesen trotz angemessener konservativer Behandlung.
Die Technik richtet sich nach Ursache und Merkmalen der Fehlstellung. Sie kann umfassen:
- Sehnen- oder Muskelverlängerungen, wenn eine Verkürzung die Beweglichkeit einschränkt.
- Sehnentransfers, um in ausgewählten Fällen von Schwäche das Muskelgleichgewicht zu verbessern.
- Osteotomien, mit denen die Ausrichtung eines oder mehrerer Knochen korrigiert wird.
- Gelenkeingriffe, bei steifen Fehlstellungen oder komplexen Fällen, in denen andere Techniken keine ausreichende Korrektur erlauben.
Nicht jeder Eingriff eignet sich für jede Erkrankung. Bei einer fortschreitenden neuromuskulären Erkrankung muss zum Beispiel bedacht werden, wie sich die Muskelkraft künftig verändern kann. Bei Kindern mit Zerebralparese sind auch Muskeltonus, Kontrakturen und die Ziele für das Gehen zu berücksichtigen.
Die Eingriffe erfolgen meist in Vollnarkose und können einen stationären Aufenthalt erfordern. Dauer des Aufenthalts, Ruhigstellung und Entlastung hängen von der Technik und der klinischen Situation ab. In komplexen Fällen wird die Planung mit dem interdisziplinären Team abgestimmt.
Ziel ist nicht immer ein Fuß mit völlig normaler Form. Manchmal hat ein plantigrader Fuß (der richtig auf dem Boden aufsetzt) Vorrang, der stabil und bequem ist und zu Schuhversorgung und Funktion des Kindes passt.
Verlauf und Erholung
Der Verlauf hängt von der Grunderkrankung, der Art der Fehlstellung, der Muskelkraft und davon ab, ob das Problem stabil ist oder fortschreitet. Manche Kinder behalten mit Kontrollen und Orthesen über Jahre eine gute Funktion; bei anderen muss die Behandlung im Wachstum angepasst werden.
- Bei konservativer Behandlung: Regelmäßige Kontrollen überprüfen Beweglichkeit, Achse, Haut und Gangfunktion.
- Nach einer Operation: Gips oder Orthese können mehrere Wochen nötig sein, je nach Eingriff und Knochenheilung.
- Belastung und Gehen: Manche Eingriffe erlauben eine sofortige Belastung, andere eine vorübergehende Entlastung. Die Vorgaben werden individuell festgelegt.
- Schule: meist möglich, wenn sich das Kind sicher fortbewegen kann und Mobilität, Transport und Schulaktivitäten angepasst sind.
- Rückkehr zu Sport und Bewegung: schrittweise, wenn Erholung, Kraft und funktionelle Kontrolle es erlauben, nach Vorgabe des Behandlungsteams.
Langfristige Kontrollen sind wichtig, weil Wachstum und der Verlauf mancher Erkrankungen Achse oder Funktion des Fußes verändern können. In bestimmten Fällen müssen Orthesen angepasst oder die Behandlung überprüft werden.
Die abgestimmte Betreuung durch Kinderorthopädie, Neurologie, Rehabilitation, Physiotherapie und weitere Fachrichtungen ermöglicht es, die Ziele an jedes Kind anzupassen und während seiner Entwicklung das bestmögliche Funktionsniveau zu erhalten.
Diese Informationen dienen der allgemeinen Orientierung und ersetzen keine fachärztliche Untersuchung. Wenn Sie sich Sorgen um den Fuß Ihres Kindes machen, sprechen Sie mit der Kinderärztin oder dem Kinderarzt oder vereinbaren Sie einen Termin.